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Schmalspurbahnen im Harz

Fahrzeuge – Die 1'E1'-Lokomotiven:
Einheitslok 99 222 und Neubauloks 99 7231–7247

Aufkleber der HSB „Neubaudampfloks“
Diesen Aufkleber gab es vor einigen Jahren an HSB-Bahnhöfen und in den Dampfläden.

      Diese grossen Fünfkuppler bilden heute – zum Glück immer noch und wohl auch in absehbarer Zukunft – das Rückgrat des Betriebes bei der HSB. Die Geschichte dieser grossen 1'E1'-Maschinen begann bereits vor rund 80 Jahren.

Marke der biber post mit Neubaulok
Die in Sachsen-Anhalt ansässige private
Postanstalt → biber post gab diese Marke
mit dem Motiv einer HSB-Neubaulok heraus.
 

Die Einheitsloks

      In den zwanziger Jahren versuchte die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (1), ihren Fahrzeugpark zu standardisieren. Das Ergebnis dieser Bemühungen waren die Einheits-Lokomotiven; die ersten schmalspurigen Maschinen, die im Rahmen dieses Konzepts entwickelt wurden, waren die Loks der Baureihe 9973–76 (Spurweite 750 mm).

      Die erste 1000-mm-Einheitslok war die Baureihe 9922. Drei Maschinen mit den Betriebsnummern 221–223 wurden bei der Berliner Maschinenbau AG (2) gebaut und ab 1931 auf der Strecke Eisfeld – Schönbrunn eingesetzt. Mit einer → indizierten Leistung von 700 PS waren sie die stärksten deutschen Schmalspurlokomotiven.

      Zwei Maschinen, 221 und 223, wurden 1944 (3) von der Wehrmacht nach Norwegen geschafft und bei der → Thamshavnbanen eingesetzt. Diese beiden Loks blieben nach dem Krieg in Norwegen und wurden dort 1947 (223) bzw. 1953 (221) verschrottet.

      Was wurde aus der dritten Lok, der 222? Sie blieb zunächst in Thüringen und wurde ab dem 1. August 1966 dem Bw Wernigerode-Westerntor zugeteilt. 1973 wurde ein Mischvorwärmer statt des Oberflächenvorwärmers eingebaut, womit die Maschine optisch stark an die Neubauloks angenähert wurde (s.u.). Die 222 wurde nie auf Ölfeuerung umgebaut.
      Im November 1987 schien das Schicksal von 222 besiegelt: Wegen eines Risses im linken Zylinder war sie für den Streckenbetrieb nicht mehr tauglich, wurde abgestellt und diente weiter als Heizlok. Wahrscheinlich wäre sie in absehbarer Zeit unter dem Schneidbrenner gelandet, aber die politische Wende rettete die 222. Mit einem Ersatzzylinder wurde sie am 26. April 1991 wieder reaktiviert.
      Die HSB bemühte sich bei dieser Maschine sehr um das historisch korrekte Erscheinungsbild: 1999 wurde sie wieder mit dem traditionell zu dieser Lok gehörenden Oberflächenvorwärmer ausgerüstet, und die EDV-Nummer 99 7222-5 wurde durch die „klassische“ Nummer 99 222 ersetzt, mit der sie bis heute unterwegs ist.

99 222
99 222 in Schierke am 30.6.2007

 

Die Neubauloks

      Die NWE (Nordhausen – Wernigeroder Eisenbahn) hatte bereits in den dreissiger Jahren die Beschaffung neuer Loks ins Auge gefasst. Nach der Übernahme durch die Deutsche Reichsbahn (DR) (1) wurden diese Pläne wieder aufgegriffen. Jetzt wurde allerdings alles zentral bestimmt und geregelt, und irgendjemand in Berlin verfügte, dass die neuen Meterspur-Loks für die Reichsbahndirektionen (Rbd) Erfurt (Strecke Eisfeld – Schönbrunn) und Magdeburg (Harzbahnen) mit der Achsfolge 1'E1' zu bauen seien. Im Harz war man darüber nicht begeistert, und anfangs schienen die Bedenken auch berechtigt: Die erste von LKM (VEB Lokomotivbau „Karl Marx“ in Babelsberg) nach Wernigerode gelieferte Maschine, 99 232, entgleiste nach wenigen hundert Metern, und die erste Probefahrt beschreibt Reiners als „Desaster“.

      Dabei schien alles zu passen: Die Konstruktion orientierte sich an den Einheitsloks (s.o.), wobei aber zeitgemässe technische Verbesserungen eingebracht wurden (andere Rahmenbauweise, wegen der schlechteren Kohlequalität in der DDR Vergrösserung der Rostfläche auf 2,20 x 1,27 m). Trotzdem wurde man im Harz zunächst mit diesen ab 1955 gelieferten Maschinen nicht glücklich. Umfangreiche Änderungen an den Loks (neue Lenkgestelle, 3. Treibradsatz ohne Spurkranz, verbreiterte Radreifen, Einbau von Beugniot-Hebeln [bei den 10 letzten Maschinen bereits Serie]) wie auch an der Strecke (verstärkter Oberbau, Erweiterung des Minimalradius auf 60 m) waren erforderlich. Nach diesen Anpassungen war die neue Baureihe Baureihe 9923–24 allerdings ein grosser Erfolg, und diese Erfolgsgeschichte hält bis heute an.

99 7240
99 7240-7 in Schierke am 7.7.2007

      Nach der Stilllegung der Strecke Eisfeld – Schönbrunn (unter Eisenbahnfreunden als „Gründerla“ bekannt) Anfang der siebziger Jahre wurden auch die bisher dort eingesetzten vier Maschinen (231, 235–237), nach den erforderlichen aufwändigen Umbauten, in Wernigerode eingesetzt, so dass alle 17 von dieser Baureihe gebauten Maschinen schliesslich im Harz ankamen.

 

Eine Studie in Öl – Die Umbauten und Rückbauten 1977–1984

      Eigentlich war es ja eine gute Idee, die Neubauloks auf Ölfeuerung umzurüsten. Man hatte dies 1976 an der 99 7244 getestet und für gut befunden; alle Neubauloks wurden bis 1981 entsprechend umgebaut. Der Tenderkasten fasste nun nicht mehr 4 Tonnen Kohle, sondern 2,8 Tonnen Öl, und die Heizer dürften diesen Umbau wohl am meisten begrüsst haben, beschränkte sich ihre Tätigkeit doch jetzt auf die Regulierung des Brenners.

      Die ölgefeuerten Maschinen wurden umnummeriert, die erste Ziffer der Ordnungsnummer war nun nicht mehr die 1970 mit der Einführung der EDV-Nummerierung gewählte „7“, sondern die Null; aus der 99 7246 wurde so beispielsweise die 99 0246 (mit entsprechender Änderung der Kontrollziffer).

      Kaum waren die Umrüstungen auf Ölfeuerung 1981 mit der 99 0246 abgeschlossen, begannen 1982 schon wieder die Rückbauten auf Rostfeuerung – die ständig steigenden Ölpreise machten den Betrieb doch etwas sehr teuer. Mit dieser erneuten Umrüstung erhielten die Loks auch wieder die alten Ordnungsnummern, waren also wieder als 99 7231–7247 unterwegs.

 

Unterschiede zwischen Einheitslok und Neubauloks

      Zur 99 222 heisst es auf der Website der HSB: „Nur wenige Fachleute können diese Maschine von ihren jüngeren Nachfahren unterscheiden.“ Lassen Sie sich dadurch nicht abschrecken; wenn Sie noch zwei Minuten weiterlesen, können Sie es auch!

99 222 99 7240-7
Steuerung Einheitslok (99 222) Steuerung Neubauloks (99 7240-7)

      Es braucht in der Tat mehr als einen flüchtigen Blick, um den Schieberkreuzkopf an der 99 222 von der bei den Neubauloks verwendeten Pendelaufhängung zu unterscheiden (Abbildungen oben).
      Wenn Sie eine 1'E1'-Maschine allerdings von vorne oder mindestens von schräg vorne sehen, ist sofort klar, ob es sich um die 99 222 oder eine ihrer siebzehn jüngeren Schwestern handelt – nicht nur, weil die 99 222 keinen Schneepflug hat.

99 222 99 7240-7
Oberflächenvorwärmer Einheitslok (99 222) Mischvorwärmer Neubauloks (99 7240-7)

      Der bei den Neubauloks eingesetzte Mischvorwärmer sitzt unmittelbar hinter der Rauchkammertür und verleiht diesen Maschinen ihr typisches, von vorne etwas kantiges Aussehen. Schön erkennbar ist die Anbringung des Mischvorwärmers beim Blick auf eine Neubaulok von oben:

99 7234-0
99 7234-0 in Wernigerode am 30. 6. 2007

 

Aufschriften auf Einheitslok und Neubauloks

Aufschriften 99 7243-1
Aufschriften auf der 99 7243-1 im Bw Wernigerode am 29. 6. 2007

      Der Totenkopf mit der Inschrift „Vorsicht – Kein Trinkwasser“ (den es schon zu DDR-Zeiten gab) erinnert fast schon an amerikanischen Verbraucherschutz, der den normalen Bürger ja bekanntlich (und durch die Rechtssprechung bestätigt) als mittelgradig dement behandelt. Wer wäre denn wohl so, mit Verlaub, dämlich, aus dem Wassertank einer Lok zu trinken? (4) Mit dieser Verunstaltung des äusseren Erscheinungsbildes müssen Freunde deutscher Dampflokomotiven im 21. Jahrhundert wohl leben …
      Der Textblock darunter weist darauf hin, dass die Bremsen mit dem Steuerventil → EMV 10 ausgerüstet und für Güter- und Personenzüge zugelassen sind; „m. Z.“ steht für „mit Zusatzbremse“. Darunter findet man die Daten der letzten Bremsrevisionen (Mei=Meiningen, Wgd=Wernigerode).
      K57.10 ist schnell erklärt: K bezeichnet Schmalspurlokomotiven. Die Zahl 57 würden wir hier in der Schweiz als „5/7“ schreiben, womit klar ist, was sie bezeichnet: Fünf Treibachsen, sieben Achsen insgesamt. Die 10 steht für die zulässige Achslast (Achsfahrmasse, Radsatzlast) in Tonnen. Das kleine Dreieck weist darauf hin, dass Teile des Fahrzeugs in das Lichtraumprofil ragen.

 

Einsatz und Zukunft der Neubauloks

      Wie oben erwähnt, sind alle 17 Maschinen (99 7231–7247) bei der HSB beheimatet. Für den fahrplanmässigen Betrieb reichen allerdings zehn Maschinen aus, und auf zehn Loks wird sich die HSB auch konzentrieren.

      In einer → Pressemitteilung des Unternehmens zum Abschluss der Hauptuntersuchung an der 99 7236-5 vom 11. 7. 2008, die mit einem komplett neuen Rahmen und neuen Zylindern sehr aufwändig (und mit Sicherheit sehr teuer) ausfiel, wird erwähnt, dass zu den bisher umgebauten fünf Neubauloks noch fünf weitere eine entsprechende „Verjüngungskur“ erhalten werden. In diesem Text heisst es dann ausdrücklich „Eine Ausweitung der Arbeiten auf alle siebzehn Lokomotiven dieser Baureihe wird jedoch nicht erfolgen.“


Fussnoten:

  1. Die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) wurde am 1. April 1920 gegründet, 1937 wurde sie in Deutsche Reichsbahn umbenannt. Viele Eisenbahn-Autoren verwenden aber die Bezeichnung DRG für die gesamte Betriebszeit bis 1945, um eine Verwechslung mit der Deutschen Reichsbahn (DR) der DDR (1949–1994, also bis zur Gründung der Deutsche Bahn AG) zu vermeiden.
  2. Als Hersteller der Loks wird in den meisten Veröffentlichungen Schwartzkopff angegeben; es war eben ein lange etablierter Name im deutschen Lokomotivbau. Die Gründung der Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft, vormals L. Schwartzkopff erfolgte aber bereits am 1. 7. 1870 (→ Geschichte der Firma).
  3. Nach Reiners und dem zitierten Wikipedia-Eintrag; gemäss Bethke et al. schon 1942.
  4. Es ist tatsächlich nicht zu empfehlen, da Kesselspeisewasser nicht einfach „normales“ Leitungswasser ist. Häufig wird es chemisch behandelt (Härtestabilisatoren und Korrosionsinhibitoren), und da Vorwärmer die Entgasung nicht komplett schaffen, wird oft z. B. noch Natriumsulfit zur Bindung des Sauerstoffs zugesetzt (chemische Entgasung). Natürlich ist das „kein Trinkwasser“ – aber ist das nicht jedem denkenden Menschen sowieso klar?

Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 17. August 2008, letzte Bearbeitung am 15. Oktober 2012.


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