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Nikon – Das Spiegelreflex-System seit 1959

VR: Nikons „Anti-Verwackel-Automatik“

Originaltext, Stand 23. April 2000:

      Am 27. Januar 2000 erschien auf allen Nikon-Firmen-Websites weltweit die Ankündigung (u.a.) eines neuen Objektivs mit „VR-Technik“ (Vibration Reduction), zwei Tage später brachte die Post die ausführliche Pressemappe. Hatte Nikon nun, wie manche Fotofreunde glauben, „endlich mit Canons IS-Technik (Image Stabilizer) gleichgezogen“?

      Keineswegs: Nikon hat seit sechs Jahren Erfahrung mit dieser Technik; offenbar hat man sie nun für reif befunden, in Grossserie produziert zu werden – „Schnellschüsse“ aus marktpolitischen Erwägungen waren noch nie Nikons Sache.

      Wenn Sie jetzt als Kenner der Nikon-Produktpalette ins Grübeln kommen, wann es denn schon einmal ein VR-Objektiv gegeben haben soll: Noch nie – die VR-Technik hatte ihre Einführung in einem anderen Marktsegment erlebt:

Nikon Zoom 700 VR (1994)

      Im Jahre 1994 hatte Nikon eine Kleinbild-Kompakt-Kamera, die Zoom 700 VR, vorgestellt, in der diese Technik erstmals zum Einsatz kam.
      Die 700 VR war kein „Renner“ am Markt; nicht zuletzt aufgrund der aufwändigen VR-Technik war sie preislich relativ weit oben in einem Markt angesiedelt, der doch eher von Gelegenheits-Fotografen lebt, die für High-Tech-Innovationen nicht unbedingt Geld ausgeben wollen.
      Die Technik, die in der 700 VR steckt, war bemerkenswert: Mit dem Antippen des Auslösers wird die VR-Technik aktiviert: Zwei Sensoren messen Restschwingungen in Längs- und Quer-Richtung und gleichen diese Kamerabewegungen automatisch aus, und zwar bis zu einer Belichtungszeit von 1/15 Sekunde bei längster Brennweiteneinstellung des 38–105 mm Zoom-Objektivs!

      Es gab übrigens in der „QD“-Version (Quartz Date; Datenrückwand) der 700 VR noch eine bemerkenswerte Innovation, bei der ich auch darauf warte, dass wir sie irgendwann einmal wiedersehen: Ausser den üblichen Angaben von Datum und Uhrzeit kann ein Massstab in das Bild eingeblendet werden, der die Ausmessung von Objektgrössen erlaubt.
 
(Abbildungen Copyright © Nikon AG)

Nikon Zoom 700 VR (1994) (Detail)

      Jahrelang war es bei Nikon um diese Technik still geworden, und nun ist uns also für den Sommer 2000 ein VR-Objektiv angekündigt worden.

      Ein persönlicher Kommentar vorab: Ich hätte diese Technologie lieber in einem anderen Objektiv als in einem 80–400/4.5–5.6 gesehen, etwa, für Tierfotografie, in einem 300/2.8, das dann auch noch genügend „Spielraum“ in der Anfangsöffnung für den Einsatz eines 2-fach AF-Konverters gelassen hätte. Ich bin allerdings sicher, dass Nikon lichtstarke Festbrennweiten mit VR-Technik in näherer Zukunft präsentieren wird; der Preis z.B. eines AF-S 300/2.8 oder 400/2.8 schränkt die Verbreitung doch ziemlich ein, und von daher ist die Entscheidung für ein nicht gerade als „Lichtkanone“ zu bezeichnendes Zoom verständlich, wenn eine neue Technik einem möglichst breiten Anwenderkreis verfügbar gemacht werden soll. Ich werde mir dieses 80–400 sicher einmal genauer ansehen, wenn es in ca. 6 Monaten lieferbar wird.

      Schauen wir uns nun einmal das Datenblatt und das Objektiv näher an:

AF-VR-Zoom-Nikkor 80–400 mm f/4.5–5.6D ED

Brennweite: 80–400 mm
Lichtstärke: f/4.5–5.6
Optischer Aufbau: 17 Linsen in 11 Gruppen, 3 Linsen ED-Glas
Blenden: 4.5 bis 32
Bildwinkel: 30°–6°10'
kleinste Einstellentfernung: 2,3 Meter
Filtergewinde: 77 mm
Abmessungen: Länge 171 mm, Durchmesser 91 mm, Gewicht 1'340 g (1'210 g ohne Stativgewinde)
VR-Technik nur mit: F5, F100, F80 und D1
Preisempfehlung: Deutschland DM 3'648,–
Schweiz Fr. 3'298,– (jeweils Januar 2000)
AF-VR-Zoom-Nikkor 80–400 mm f/4.5–5.6D ED
(Abbildung Copyright © Nikon AG)

      Ohne Stativgewinde kommt man damit z.B. an einer F5 auf ein Gesamtgewicht von ca. 2,5 kg – das ist aus freier Hand noch gut handhabbar (es entspricht etwa dem Gewicht einer 6x7-Kamera mit Normalobjektiv und Lichtschachtsucher), und Freihand-Aufnahmen sind ja nun einmal der eigentliche Grund für den Einsatz der VR-Technik. Wenn Sie ohnehin vom Stativ arbeiten, brauchen Sie diese Technologie, ausser vielleicht bei Windstärke 9, eigentlich nicht; ich kann mir gut vorstellen, dass die Mehrzahl der Benutzer dieses Objektivs als erstes die Stativschelle abschrauben wird, dann ist das Ganze für Tier-, Sport- und Action-Fotografie durchaus sinnvoll.

Prinzip der VR-Technik

      Was bringt nun diese Vibration Reduction (Funktionsschema s. Abbildung) dem Anwender? Nikon spricht davon, dass die neue Technik „ähnlichen Systemen überlegen“ sei und einen Gewinn von bis zu 3 LW selbst bei 400 mm bringt. Das ist recht beachtlich; legt man die alte Regel vom Kehrwert der Brennweite als längster Verschlusszeit zu Grunde, würde man z.B. an einer F5 bei 400 mm Brennweite längstens mit 1/400 Sekunde belichten (die F5 hat bekanntlich in Drittelstufen einstellbare Verschlusszeiten). 3 LW mehr erlauben also eine Belichtungszeit von 1/50 Sekunde – in der Dämmerung oder bei „available-light“-Innenaufnahmen kann dies überhaupt erst die Möglichkeit schaffen, noch fotografieren zu können, oder es ergibt sich bei entsprechend 3 Stufen weiter geschlossener Blende ein nicht zu unterschätzender Schärfentiefe-Gewinn.

      Natürlich kostet diese Technik Energie, und das heisst Batteriestrom. Nikon hat sinnvollerweise die VR-Technik mit verschiedenen Modi ausgestattet: Man kann die Verwacklungs-Korrektur im Sucher anzeigen lassen oder, batteriesparend, nur auf den Film wirken lassen; ausserdem lässt sich, bei ausreichenden Lichtverhältnissen ohne Verwacklungs-Gefahr, der VR-Mechanismus auch ganz abschalten.

      An der Kamera muss für den VR-Einsatz kein besonderer Modus gewählt werden: Bei eingeschaltetem VR-System schaltet sich dieses automatisch zu, sobald die Kamera bewegt wird, egal, ob der Film-plus-Sucher- oder der nur-Film-Modus gewählt ist. Wenn Sie aber z.B. horizontal „mitziehen“, registriert das VR-System diese Bewegung und schaltet die horizontale Korrektur ab. (Aus den mir vorliegenden Unterlagen geht nicht hervor, warum der VR-Mechanismus nur mit den allerneuesten Kamera-Modellen und nicht z.B. auch mit einer F70 oder F90/X funktioniert.)

      Alles in Allem eine interessante neue Technologie; wie schon gesagt, warte ich (und ich bin da sicher nicht allein …) jetzt nur noch darauf, dass Nikon sie auch in Objektive anderer Brennweiten und Lichtstärken einbaut. Warten wir einmal ab, was die Photokina bringen wird!
 


Aktualisierung März 2008:

      In acht Jahren ist die Entwicklung erheblich weiter gegangen: Heute sind bei Nikon alle Tele-Zooms mit einer längsten Brennweite von 200 mm und mehr und alle „Super-Tele-Objektive“ (Festbrennweiten ab 200 mm) mit dieser Technologie ausgestattet.

      Nach Empfehlungen im Diskussionsforum → Fototalk habe ich mir im Frühjahr 2007 mein erstes VR-Objektiv gekauft, das auf den komplexen Namen AF-S VR Zoom-Nikkor 70–200 mm 1:2,8G IF-ED hört. Natürlich war ich sehr gespannt auf die ersten Ergebnisse, und sie sind in der Tat bemerkenswert.

      Ich habe das Objektiv an der D1X montiert und den Turm der Sankt-Nikolaus-Kathedrale in Fribourg fotografiert. Mit dem Verlängerungsfaktor von 1,5 an der Digitalkamera entspricht die effektive Brennweite 300 mm; gegen alle Regeln der Fotografie habe ich Blendenautomatik bei Zeitvorwahl gewählt und 1/60 Sekunde eingestellt. Das Ergebnis ist überzeugend:

VR ausgeschaltet VR ausgeschaltet
VR ausgeschaltet VR eingeschaltet

Literatur:


Copyright © 2000–2008 und verantwortlich für den Inhalt:

Erste Veröffentlichung am 30. Januar 2000, letzte Bearbeitung am 24. März 2008.


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