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Das Spiegelreflex-System seit 1959

Die Nikon EM

EM mit MD-E

      Wie kann man nur der EM eine eigene Webseite widmen?

      Denken Sie auch so? Nun, man kann, und wenn Sie bisher zu den Nikon-Enthusiasten gehörten, für die die EM, ähnlich der unseligen Nikkorex, ein Kapitel der Nikon-Geschichte ist, das man besser verschweigt, werden Sie vielleicht (hoffentlich) Ihre Meinung nach dem Lesen dieser Seite etwas revidieren.

EM-Katalog März 1980

      Um es gleich vorweg zu nehmen: Die EM ist in der Tat eine „Massenkamera“. Nikon hat sie auch ganz bewusst so lanciert; vergleichen Sie einmal die farbenfrohe Aufmachung sowohl des Katalogs (links) wie auch der Gebrauchsanleitung (unten) mit dem sonst bei Nikon üblichen Design: Hier wird eindeutig eine Zielgruppe angesprochen, die eine Kamera zum gelegentlichen Fotografieren sucht, und nicht der engagierte Amateur oder Profi, für den die Marketing-Abteilung sich Sätze wie Die Nikon des Perfektionisten (Katalog FM2) oder Werkzeug der Inspiration (Katalog F90) ausgedacht hat.

EM-Bedienungsanleitung

      Die EM hat erhebliche Einschränkungen in der Ausstattung und Bedienung, sie ist meines Wissens die einzige Nikon Spiegelreflex-Kamera, bei der man als Fotograf (fast) keine Möglichkeit hat, in die automatische Belichtung einzugreifen - aber die EM ist trotz Allem keine schlechte Kamera!
      Gut eigentlich für den Sammler, dass ihr dieses negative Image anhaftet – kennen Sie eine andere Nikon Spiegelreflex-Kamera, die auf dem Occasionsmarkt für den Preis von fünf Taschenbüchern zu haben ist? (Zu dem Zeitpunkt, wo ich dies schreibe, liegt in einem Schaufenster in Bern eine sehr gut erhaltene EM zum Preis von Fr. 98,–. Ich habe für meine etwas mehr bezahlt, aber dafür den EM-eigenen Motor MD-E dazu bekommen.)

      Wie kam es zu dieser „Volks-Nikon“? Braczko weist darauf hin (Nikon-Faszination), dass eine „Billigserie“ in Ergänzung zu den Profi-Modellen bei Nikon durchaus Tradition hat und verweist auf die S3 und S4 als preiswerte Varianten der SP, die oben erwähnte Nikkorex (ich verspreche, dass ich sie ab jetzt nicht mehr erwähnen werde) und die Nikkormat-Reihe. An der Idee, eine auf maximale Leistung und härteste Beanspruchung ausgelegte Modellreihe durch ein preiswertes Einsteigermodell zu ergänzen, ist ja grundsätzlich nichts Schlechtes; wenn der Vergleich gestattet ist: Mercedes könnte auch nicht nur von der S-Klasse und BMW ebensowenig nur von der 7er-Baureihe leben …

      Nikon hat hier zwar eine auf einfachste Bedienung ausgelegte Kamera geschaffen, ist der Firmenphilosophie aber bei der EM treu geblieben – der Verzicht auf eine eigene Bezeichnung und der Nikon-Schriftzug auf dieser Kamera dokumentieren dies.

      Schon das Äussere der EM vermag durchaus zu überzeugen. Der vor Allem als Vater der F3 bekannte italienische Designer Giugiaro hat, was nicht unbedingt bekannt ist, sein Debüt bei Nikon mit der EM gegeben. Aus Kunststoff bestehen bei der oft als „Plastikbüchse“ titulierten EM tatsächlich nur wenige Teile; die griffige Belederung der ganz in schwarz („Profi-Look“) gehaltenen EM hüllt immer noch zum grössten Teil ein Metallgehäuse ein.

      Die Vollautomatik ist zugegebenermassen gewöhnungsbedürftig. Es spricht aber für Nikon, dass man sich für eine Zeitautomatik mit Blendenvorwahl und nicht (wie zu dieser Zeit z.B. bei Canon und Konica) für den umgekehrten Weg einer Blendenautomatik entschied – dies ermöglicht immer noch wenigstens gestaltendes Fotografieren mit der Tiefenschärfe und nicht nur das „Knipsen“ von Urlaubs-Erinnerungsbildern. Die einzige Möglichkeit, bei von der Kamera zur vorgegebenen Blende eingestellter Zeit die Belichtung zu modifizieren, ist eine „Gegenlichttaste“, deren Betätigung automatisch die Belichtungszeit um zwei Stufen verlängert. (Da die Kamera keine DX-Filmempfindlichkeits-Erkennung hat, gibt es natürlich noch die Möglichkeit, die Belichtung über Verstellung der Filmempfindlichkeit zu korrigieren – das dürfte allerdings kaum eine Technik für den typischen EM-Benutzer sein …)

      Technisch bot die EM sogar durchaus Innovationen: Erstmals wurde hier ein akustisches Warnsystem (bei Überschreiten der Belichtungswerte von 1/1000 bzw. 1/30 Sekunde nach oben oder unten) eingebaut, erstmals gab es – in Verbindung mit dem speziellen Blitz SB-E – halbautomatisches Blitzen, und erstmals wurde hier das später in allen Nikon-Modellen eingebaute System verwendet, das die Belichtungsautomatik erst aktiviert, wenn der Bildzähler auf „1“ steht (vorher ist eine feste Zeit von 1/80 Sekunde eingestellt).

      Preislich war die EM tatsächlich unschlagbar und hat vielleicht vielen Nikon-Freunden überhaupt erst den Einstieg ermöglicht. Der Abstand zu den übrigen Modellen wuchs sogar noch nach einer Preisreduzierung, hier einige Vergleichszahlen aus den Händler-Preislisten von Nikon Deutschland:

  Nikon EM Nikon FM Nikon F3
Preisliste D 06/1980 343,– 475,– 1'300,–
Preisliste D 10/1982 295,– 576,– 1'473,–
(Alle Preise in DM ohne Mehrwertsteuer)

      Eine besonders günstige Kamera ist natürlich nicht sehr sinnvoll, wenn der Einsteiger oder Gelegenheits-Fotograf Objektive und Zubehör aus dem „Profi-Lager“ kaufen muss. Konsequenterweise brachte Nikon spezielles Zubehör zur EM heraus, leicht erkennbar am Buchstaben „E“ statt einer Nummer.

      Der nur 185 g leichte Motorantrieb MD-E verhalf der EM zu immerhin 2 Bildern/sec; stattdessen konnte auch der von der FG bekannte MD-14 verwendet werden, der sogar 3 B/sec erlaubte. (Das funktioniert übrigens auch umgekehrt: Der MD-E kann auch an der FG verwendet werden.)

Blitz SB-E (Rückseite)

      Das spezielle Blitzgerät SB-E wurde bereits kurz erwähnt. Filmempfindlichkeit und Blendenwert werden von der Kamera auf den Blitz übertragen. Das Einschalten des SB-E stellt die Belichtungszeit auf 1/90 Sekunde; die Kamera kann dabei in der „Auto“-Stellung bleiben. (Bei Verwendung anderer Blitzgeräte muss die Einstellung „M90“ gewählt werden.)

      Die Abbildung zeigt die Rückseite meines SB-E (die Vorderseite finden Sie in jedem Nikon-Buch …); ohne umständliche Leitzahl-Berechnung kann hier auch der weniger versierte Fotograf auf einen Blick erkennen, welchen Bereich er mit welcher Film-/Blenden-Kombination ausleuchten kann.
      Bei Einstellung einer ungeeigneten Blende blinkt die LED im ansonsten nicht gerade mit einer Informationsflut aufwartenden Sucher – er zeigt nur die Belichtungszeit, nicht einmal die vorgewählte Blende!

      Abgerundet wurde das „E“-Programm durch die Objektive der „E“-Reihe; dazu mehr auf einer anderen Seite.

      Die EM wurde von 1979 bis 1984 gebaut; trotz eines gewissen Anfangserfolges hat sie sich nie richtig durchsetzen können. Wirklich unterschiedliche Versionen der EM gibt es nicht; Spezialisten achten allenfalls auf die Gegenlichttaste: Der bei den ersten Modellen aus blauem Kunststoff bestehende Knopf wurde später durch eine Chrom-Ausführung ersetzt.

      Fazit: Die „wunderbar einfache, einfach wunderbare Kamera“ (Nikon-Werbetext) ist ein auch heute noch brauchbares Werkzeug für Gelegenheitsfotografen, die nicht allzu hohe Ansprüche an die Ausstattung und die Möglichkeiten zur Bildgestaltung stellen. Sie nimmt alle Objektive ab AI-Version auf, ist leicht, handlich und absolut „narrensicher“. Ein entsprechendes Modell gibt es im heutigen Nikon-Programm nicht mehr; selbst eine F 50 bietet mehr Möglichkeiten. Trotzdem: ein nettes, preiswertes Sammlerstück, und irgendwann werde ich sie sogar einmal zum Fotografieren benutzen …


Literatur:


Copyright © 1999 und verantwortlich für den Inhalt:

Erste Veröffentlichung am 20. März 1999, letzte Bearbeitung am 10. April 1999.


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